Machtspiele von Saudi-Arabien und Co.: Öl jetzt erst recht billiger

Es war kurz nach Pfingsten, als im Vorderen Orient ein Konfliktgemisch in ungewohnter Konstellation hochbrodelte. Und alle Welt schaute gebannt auf den Ölpreis. Katar wurde quasi über Nacht von seinen Nachbarn isoliert und mit einem Embargo belegt.

Saudi-Arabien, Bahrein, die Vereinigten Arabischen Emirate sowie Ägypten brachen alle diplomatischen Kontakte ab und schlossen sämtliche Landes-, Luft- und Seegrenzen.

Ölpreis vom Katar-Konflikt unbeeindruckt

Die offizielle Begründung: Das reiche Emirat finanziere den Terrorismus. Der wohl tatsächliche Anlass: Katar pflegt eine eigenständige Außenpolitik und gute Kontakte zu Saudi-Arabiens Erzfeind Iran. Hintergrund ist der Kampf um die Vormachtstellung zwischen Sunniten und Schiiten im Nahen Osten.

Diese Gemengelage macht die Ölregion zum Pulverfass. Der Iran und die Türkei stellten sich sofort auf die Seite Katars. Zu allem Überfluss goss auch noch Donald Trump Öl ins Feuer und schloss sich dem Vorwurf der Terrorismusfinanzierung an. Alles wirkte wie der Auftakt zu einem Konflikt, der schnell zum Flächenbrand ausufern könnte.

In der Vergangenheit reagierten die Rohstoffmärkte sofort. Diesmal jedoch zeigte sich der Ölpreis vom Katar-Konflikt nahezu unbeeindruckt. Anstatt wie früher in die Höhe zu schießen, fiel er innerhalb kurzer Zeit um 4 % bzw. 2 US-$ und setzte seine bereits zuvor begonnene Talfahrt fort. Am 15. Juni kostete die Marke WTI dann 44,5 US-$. Gut 10 US-$ weniger als noch im Februar.

Händler begründeten dies – wie so oft – mit überraschend gestiegenen Lagerbeständen in den USA. Katar wiederum ist zwar Mitglied der OPEC, aber als Öllieferant relativ unbedeutend. Auf das Emirat entfallen nur 2 % der gesamten OPEC-Förderung. Selbst das im Bürgerkrieg zerfallende Libyen fördert derzeit mehr.

Gemeinsame Interessen bei Erdgas

Beim Gas allerdings ist das kleine Katar ein Riese. Als Exporteur von verflüssigtem Ergas kommt es auf einen Anteil von 31 % am Weltmarkt und bestreitet damit über die Hälfte seines Bruttoinlandsprodukts. Katar, das als Halbinsel im Persischen Gold etwas kleiner als Schleswig-Holstein ist und 2,7 Mio. Einwohner hat, verfügt über 14 % der weltweiten Erdgasreserven. Damit ist es die Nummer drei nach Russland (32 %) und dem Iran (18 %).

Und hier zeigt sich das natürliche Interesse an intakten Beziehungen zum Teheran. Beide Länder teilen sich das South-Pars-Gasfeld. Es ist das größte der Erde und erstreckt sich von der katarischen Küste quer über den Persischen Golf bis zum Iran.

Als während des Konflikts unverändert Gaslieferungen zugesichert wurden und nur noch die Gefahr bestand, dass Lieferungen in die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten eventuell umgeleitet werden müssten, stieg der Gaspreis kurzfristig um 1,6 % auf 3,08 US-$. Doch die Lage beruhigte sich und der Preis sank auf bis zuletzt 3,01 US-$.

Wackelnde OPEC-Beschlüsse

Aber auch die USA trugen anschließend dazu bei, die Koalition um Saudi-Arabien von einer weiteren Eskalation abzuhalten. Unterhalten sie doch in Katar den größten Stützpunkt der US-Luftwaffe in der Region. Dieser Tage verkaufte Amerika 36 Kampfflugzeuge für 12 Mrd. US-$ an das Emirat.

Gelegt hat sich auch die vorübergehend nervöse Stimmung an den Finanzmärkten. Saudi-Arabien hat offensichtlich vergeblich internationale Unternehmen dazu aufgerufen, Katar zu meiden. Der Golfstaat ist an etlichen europäischen und deutschen Konzernen beteiligt. Bei VW und der Deutschen Bank ist er Großaktionär. Beide Aktien gaben kurzfristig leicht nach.

Bleibt die Frage, ob es das bereits war für den Ölpreis. Katar ist OPEC-Mitglied und könnte sich durchaus überlegen, die zuletzt vereinbarte Förderkürzung aufzukündigen oder zu unterlaufen. Selbst als kleiner Player in der Runde kann es das Kartell zum Bröckeln bringen, sobald andere mitziehen. Und sei es nur, um Saudi-Arabien entgegenzuhalten – das dann nur noch wenig Einfluss auf den Preis hat. Schon jetzt liegt der Ölpreis mit 44,6 US-$ weit von der Zielmarke 60 US-$ entfernt.

19. Juni 2017

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Ralf Hartmann
Von: Ralf Hartmann. Über den Autor

Ralf Hartmann arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Wirtschaft und Finanzen und hat dabei stets besonders das Wohl des Lesers im Blick. Sein Ziel: Aufklären über Anlagemöglichkeiten und Chancen für interessierte Anleger.

10 Dividendenaktien, deren Dividende IMMER steigt