Warum der Ölpreis nicht über die Marke von 70 Dollar klettern wird

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Eine höhere Ölproduktion aus Libyen und das Comeback der US-Fracking-Industrie setzen den Ölpreis unter Druck. (Foto: Christopher Halloran / shutterstock.com)

Der Ölpreis steht seit Wochen unter Druck und fiel zuletzt auf den tiefsten Stand dieses Jahres.

Die Ölsorte West Texas Intermediate (WTI) notiert bereits unter der Marke von 50 US-$, der Preis für die Marke Brent Crude hält sich noch knapp darüber, doch die Preistendenz ist abwärts gerichtet.

Damit sind die Preisaufschläge, die im Vorjahr durch die Produktionskürzung beim Öl durch die OPEC herbeigeführt wurden, fast schon wieder aufgezehrt. Eine nachhaltige Trendwende am Ölmarkt hin zu deutlich höheren Preisen scheint derweil nicht in Sicht, auch wenn die US-Ölvorräte Ende April wieder gesunken sind.

Nach wie vor schwebt die Angst vor Überkapazitäten über den Ölmärkten, denn der Markt hat derzeit gleich mit zwei Herausforderungen zu kämpfen, die den Ölpreis weiter unter Druck setzen könnten: Libyen und die amerikanische Fracking-Industrie.

Ölpreis unter Druck: Libyen dreht den Ölhahn wieder auf

Bedingt durch Kämpfe zwischen verschiedenen politischen Gruppierungen war die Ölproduktion in Libyen in den letzten Jahren gesunken. Inzwischen hat die staatliche Ölgesellschaft NOC das größte libysche Ölfeld Sharara und wichtige Verladestellen wieder unter seine Kontrolle gebracht.

Zur Erinnerung: Libyen ist zwar das ölreichste Land in Afrika, seit dem Sturz von Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 herrscht jedoch politisches Chaos. Ungeachtet der politischen Situation will Libyen seine Ölproduktion von derzeit 700.000 Barrel pro Tag bis Ende August 2017 auf 1,1 Mio. Barrel (159 Liter) pro Tag steigern, so NOC-Chef Mustafa Sanalla.

Aber nicht nur die steigende Ölproduktion in Libyen setzt den Ölpreis unter Druck und könnte im zweiten Halbjahr 2017 für Überkapazitäten sorgen. Auch die amerikanische Fracking-Industrie meldet sich zurück.

US-Fracking-Industrie benötigt nur noch einen Ölpreis von 40 US-$

Benötigte die amerikanische Fracking-Industrie vor wenigen Jahren noch einen Ölpreis von mindestens 70 bis 80 US-$, um profitabel arbeiten zu können, hat sich das inzwischen geändert.

Durch den stetigen technischen Fortschritt ist es den führenden Fracking-Unternehmen gelungen, die Förderkosten erheblich zu senken. Inzwischen melden sich die ersten Fracking-Unternehmen bei Ölpreisen von 40 US-$ schon wieder zurück und fördern Öl.

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Zum Beispiel will Continental Resources wieder mehr Geld in seine Fracking-Projekte investieren, falls sich der Ölpreis über der Marke von 45 US-$ hält.

Auch der Rivale Whiting Petroleum Corp will Fracking-Projekte wieder aufnehmen, falls sich der Ölpreis dauerhaft über der Marke von 40 bis 45 US-$ bewegt, so Firmenchef Jim Volker. Sollte der Ölpreis entgegen den Erwartungen die Marke von 70 US-$ erreichen, deutet Whiting Petroleum eine Ausweitung der Fracking-Aktivitäten an.

Ähnlich ist die Situation beim führenden US-Fracker EOG Resources, der zum weltweit kosteneffektivsten Ölproduzenten aufsteigen will, so EOG-Chef William Thomas.

Bereits bei Ölpreisen von über 40 US-$ sind die ersten Fracking-Bohrlöcher von EOG Resources profitabel und generieren einen Ertrag von 30 % nach Steuern.

Steigt der Ölpreis auf 50 oder 60 US-$, fällt der Ertrag nach Steuern nochmals höher aus.

Zwar wollte EOG-Chef Thomas keinen konkreten Ölpreis nennen, ab wann EOG seine Fracking-Aktivitäten ausbauen wird, Marktbeobachter glauben jedoch, dass dies bei Ölpreisen von 60 bis 70 US-$ der Fall sein wird.

Fazit: Ölpreis nur mit begrenzten Aufwärtspotenzial

Die OPEC wird am 25. Mai erneut in Wien tagen. Marktbeobachter gehen davon aus, dass die OPEC dann eine Verlängerung der Ölproduktionskürzungen für das zweite Halbjahr 2017 beschließen wird.

Auch wenn die OPEC Ende Mai eine Verlängerung der Maßnahmen beschließt, dürfte sich das Aufwärtspotenzial beim Ölpreis in Grenzen halten. Anleger können damit rechnen, dass sich der Ölpreis weiter in einer Handelsspanne zwischen 45 und 60 US-$ bewegen wird.

Sollte der Ölpreis wider Erwarten doch über die Marke von 60 US-$ klettern, dürfte dies die US-Fracking-Industrie auf den Plan rufen, die für ein höheres Angebot auf den weltweiten Ölmärkten sorgen könnte.


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Mittermeier neu
Von: Alexander Mittermeier. Über den Autor

Als Gründungsmitglied einer der größten Finanz-Communitys in Deutschland schreibt Alexander Mittermeier heute nicht nur über Aktien und Hightech-Unternehmen, sondern auch über Geld- und Wirtschaftsthemen. Im Mittelpunkt stehen dabei Hintergrundberichte und Bewertung wirtschaftlicher Themen unter Berücksichtigung technologischer Gesichtspunkte für eine der größten Banken Deutschlands